Sonntag, 30. Januar 2011

'aste, aste!'


Tägliches Treiben in Adarshanagore

... denke ich mir manchmal, wenn es hier auf einmal so viel zu tun gibt, dass man gar nicht weiß, wo man denn anfangen soll. Das letzte Viertel des indischen Geschäftsjahres (April - März) ist angebrochen und wenn man sonst den Eindruck haben sollte, dass hier selbst Großprojekte eher mit gemächlicher Gelassenheit angegangen werden, so überschlagen sich jetzt die Ereignisse.

Mein ursprünglicher Plan, dem Rest der Welt aller zwei Wochen Einblicke in mein Leben zu ermöglichen, erweist sich nun doch als weniger leicht zu verwirklichen. Nicht etwa, weil es nichts zu erzählen gibt oder ich keine Zeit dazu finde. Eher wohl aber, weil ich hier mittlerweile, nun ja, ein normales Leben führe mit allen Licht- und Schattenseiten und mein Mitteilungsbedürfnis damit verbunden geschrumpft ist. Während ich in der ersten Zeit noch ganz gespannt darauf war, wie die Reaktionen auf meine Beiträge wohl sein würden, ich somit noch mit einem halben Bein in meinem “alten“ Leben stand, ist mir der Elan und das Interesse diesbezüglich ein wenig abhanden gekommen. Mit ist aber auch klar, dass diese Rechtfertigung nur auf persönlichen Befindlichkeiten beruht und ich mich nun deswegen doch mal wieder aufgerappelt habe, um ein wenig zu davon zu erzählen, was in meinem Leben so vorgefallen ist.
Mein letzter Eintrag ist auch schon wieder zwei Monate alt. Um biographische Aufarbeitung will ich mich nicht kümmern, ein paar Ereignisse sollten aber doch erwähnt werden.

Grundsätzlich war meine Zeit seit meinem letzten Eintrag bis Ende 2010 geprägt von Vorbereitungen auf unsere Reise nach Sri Lanka. Kiera, Tapas, Mimi, Ria (College-Freundin Mimis) und ich hatten uns dazu entschlossen, an den Festlichkeiten anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Sri Lankanischen SCI-Zweigs teilzunehmen. Anschließend daran sollte ein einwöchiger Workshop zum Thema “challenges of peace making in Sri Lankan context“ stattfinden. Ein ausführlicher Bericht dazu im zweiten Eintrag.
Doch bevor es losging, galt es eine Hürde zu bewältigen, die einiges an Zeit, Mühen und Nerven kostete: die Registrierung bei den lokalen Behörden. Ist auf unseren Visa eindeutig vermerkt, dass für längere Aufenthalte als 180 Tage eine Anmeldung im lokalen Foreigner’s Regional Registration Office vorzunehmen ist, so nahmen wir das Ganze wie die Freiwilligen vor uns etwas lockerer. Als wir jedoch von Joannas Problemen bei der Ausreise hörten, war dann doch etwas Initiative gefragt. Unsere Verspätung sollte den Prozess ewig in die Länge ziehen und uns tiefgehende Erfahrungen mit indischer Bürokratie einbringen. Um es kurz zu fassen, nach ca. 40-50 Stunden Herumpilgern zwischen verschiedenen Stellen, unter anderem einem Büro im imposanten Writer’s Building in Kolkata (Zentralverwaltungsapparat Indiens in den Hauptstadtzeiten Kolkatas bis 1913) und angenehmen, teils weniger angenehmen Diskussionen mit den zuständigen bzw. dann doch nicht zuständigen Officers, die mitunter mehr an meinem Wissen über die deutsche Fußballgeschichte („Beckenbauer...!“) als an meinem Anliegen interessiert waren, konnten wir letztendlich am Tag vor unserer geplanten Abreise unsere Registrierungen stolz in unseren Händen halten.

Außerdem organisierte Human Wave eine Feier in Gedenken an Rabindranath Tagores 150. Geburtstag. Mit verschieden Reden, Musik, Tanz und Gesang wurde dem Mann gehuldigt, der indische Literatur weltweit bekannt machte und dafür 1913 den Nobelpreis zum ersten Mal auf den Subkontinent brachte. Unser Beitrag zur Feier war die Rezitation eines seiner berühmtesten Gedichte “Where The Mind Is Without Fear“ auf Deutsch, Englisch und Bengali.

Die winterliche Kälte scheint vorerst überwunden, angeblich wurden in den letzten Wochen die niedrigsten Temperaturen seit 18 Jahren gemessen. Trotzdem geht es mir gut, ich fühle mich außerordentlich wohl, auch ohne Glühwein. Unser Aufgabenbereich ist erweitert worden, neben unserer Lehrertätigkeit sind wir für das Einsammeln und die Verarbeitung der monatlichen Berichte aller Human- Wave- Projekte in Vorbereitung des Jahresberichts zuständig. Außerdem bin ich tatsächlich auch wieder sportlich aktiv. Mit ein paar Kumpels hier treffe ich mich fast täglich auf einem Bolzplatz nahe meines Projekts. Gestern allerdings setzte es eine vernichtende 1:5 Niederlage gegen die Kollegen einer anderen Ecke Mankundus. Zudem habe ich in Adarshangore eine Art Volleyball-AG ins Leben gerufen, die sich aber noch auf der Suche nach regelmäßigen Trainingszeiten befindet.

Über Langeweile kann ich mich zusammenfassend also nicht beschweren, einiges (Workshop zum Klimawandel, Feierlichkeiten anlässlich des Republic Day) lasse ich sogar aus, um das Ganze hier auch lesbar zu halten.


Human Wave staff meeting


Mehr Bilder lassen sich unter

http://picasaweb.google.com/richard.mankundu

finden.


Schönen Gruß,

Richard

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